Betriebliche Suchtprävention: Warum Unternehmen jetzt handeln müssen
Laut einer neuen Studie, die vom Bayerischen Gesundheitsministerium gefördert und vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) koordiniert wurde, bietet nur jedes siebte Unternehmen in Bayern Angebote zur betrieblichen Suchtprävention an.

Suchtprävention im Betrieb: Nur jedes siebte Unternehmen in Bayern aktiv
Die Zahl ist alarmierend – und für HR-Verantwortliche ein klares Signal: Prävention wird systematisch unterschätzt, obwohl sie messbaren Einfluss auf Krankenstand, Produktivität und Fehlzeitenquoten hat.
Was die Daten konkret sagen
Die Studie, die rund 300 Betriebe im Freistaat befragt hat, zeigt ein deutliches Größenmuster:
- Großunternehmen: Mehr als die Hälfte hält entsprechende Angebote vor.
- Kleinbetriebe: Nur 7,4 Prozent.
- Kleinstbetriebe: Lediglich 3,4 Prozent.
Die Zahlen sind nicht überraschend – aber sie belegen, wie groß die Lücke zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was tatsächlich umgesetzt wird. Gesundheitsministerin Judith Gerlach betonte laut der Studie, dass Suchtprävention am Arbeitsplatz Beschäftigte wirksam schützen und Ausfälle vermeiden könne.
Kosten-Nutzen: Wo steht die betriebliche Realität?
Das Problem ist nicht fehlendes Bewusstsein, sondern fehlende Infrastruktur – gerade bei KMU. Laut dem Epidemiologischen Suchtsurvey 2024 zeigen 4,2 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland Anzeichen einer Alkoholabhängigkeit. Auf Bayern übertragen sind das rund 130.000 Erwachsene. Diese Zahl übersetzt sich direkt in Produktivitätsverluste, erhöhte Krankenstände und Compliance-Risiken.
Das Gegenargument lautet oft: Prävention sei teuer. Die Studie selbst widerlegt das. Schon Aufklärungsarbeit oder Aushänge mit Hilfestellen gelten als wirksame erste Schritte. Die Kosten für Nicht-Handeln – erhöhte Fehlzeiten, Langzeitausfälle, Haftungsfragen – sind in der Regel deutlich höher.
Handlungsfeld für Unternehmen
Für HR-Abteilungen und Geschäftsführungen ergibt sich ein klares Prüfschema:
- Bestandsaufnahme: Gibt es überhaupt eine Suchtpräventionsstruktur? Wenn nein – warum nicht?
- Skalierbarkeit: Welche Maßnahmen passen zur Betriebsgröße? Großunternehmen können Beratungsstrukturen aufbauen; KMU beginnen mit Aushängen, Informationsmaterialien und sensibilisierenden Workshops.
- Integration in bestehende BGM-Strukturen: Suchtprävention isoliert zu betrachten, ist ineffizient. Die Verzahnung mit betrieblichem Gesundheitsmanagement, Arbeitsmedizin und EAP-Programmen erhöht die Wirksamkeit bei gleichzeitiger Kostendämpfung.
- Messbarkeit: Welche KPIs werden erfasst? Krankenstände, Fehlzeitenmuster, Inanspruchnahme von Beratungsangeboten – ohne Daten keine Steuerung.
Das Bayerische Gesundheitsministerium und das LGL haben Handreichungen und Flyer entwickelt, die insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen praxisnahe Informationen liefern. Die Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen (BAS) bietet darüber hinaus am 8. Oktober eine kostenfreie Online-Veranstaltung zur betrieblichen Suchtprävention an.
Fazit: Prävention als strategische Entscheidung
Die Studie bekräftigt, was die betriebliche Praxis seit Jahren zeigt: Prävention ist kein Nice-to-have, sondern ein Steuerungsinstrument. Wer Suchtprävention nicht im BGM verankert, akzeptiert implizit höhere Krankenstände und vermeidbare Kosten. Die Materialien und Förderprogramme existieren – es fehlt an Umsetzung in der Breite. Für Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten ist eine Bestandsaufnahme der Präventionslandschaft derzeit die renditestärkste Maßnahme im Gesundheitsmanagement.