Reiki gegen Stress: Was die Wissenschaft wirklich weiß
Chronischer Stress hinterlässt im Gewebe Spuren, die jeder Körperarbeiter kennt: ein eleviertes Schultergürtelrelief, eine thorakale Atmung, die kaum das Zwerchfell erreicht, ein Hartspann im oberen…

Chronischer Stress hinterlässt im Gewebe Spuren, die jeder Körperarbeiter kennt: ein eleviertes Schultergürtelrelief, eine thorakale Atmung, die kaum das Zwerchfell erreicht, ein Hartspann im oberen Trapezius und im Levator scapulae, der sich palpatorisch wie ein verspanntes Schutzschild anfühlt. Diese myofaszialen Muster sind keine Einbildung. Sie können mit einer dauerhaft erhöhten sympathischen Aktivität, veränderter Atmung und einem anhaltend gesteigerten Muskeltonus einhergehen.
Wenn Betroffene nach Wegen suchen, diese Spannung zu lösen, landen sie zunehmend bei komplementären Methoden. Ausgerechnet beim Reiki, einer der umstrittensten Formen energetischer Körperarbeit, ist die Datenlage in den vergangenen Jahren dichter geworden, als viele Kritiker annehmen. Sie ist allerdings nicht so eindeutig, wie manche Anbieter behaupten. Die Forschung beschreibt vor allem Veränderungen bei selbstberichtetem Stress, Angst und Lebensqualität. Sie belegt weder ein universelles Energiefeld noch einen spezifischen biophysikalischen Übertragungsmechanismus.
Wenn zehn Minuten den Tonus ändern: die Chicago-Erhebung
Eine im November 2025 publizierte explorative Untersuchung aus Chicago hat das Design bewusst radikal vereinfacht: 1.724 Teilnehmer, eine einzige Sitzung, zehn Minuten Dauer. Gemessen wurde der selbstberichtete Stresswert auf einer Skala von 1 bis 10 – vor und nach der Intervention. Der Durchschnittswert sank von 4,31 auf 1,22, was einer Reduktion von 72,62 Prozent entspricht. In derselben Kohorte reduzierte sich der selbstberichtete Schmerz um 63,34 Prozent.
Das ist zunächst ein auffälliger kurzfristiger Unterschied. Er zeigt, dass sich eine kurze Reiki-Sitzung für die Beteiligten unmittelbar anders anfühlen kann als der Zustand vor der Sitzung. Mehr lässt sich aus diesem Studiendesign nicht sicher ableiten. Die Erhebung hatte keine Kontrollgruppe, keine Verblindung und nur einen Messzeitpunkt direkt nach der Intervention. Damit bleibt offen, welchen Anteil die Reiki-Behandlung selbst hatte und welchen Anteil die zehnminütige Ruhe, die Zuwendung, die Erwartungshaltung oder die Unterbrechung der Alltagssituation.
Aus der Perspektive der funktionellen Anatomie ist eine solche kurzfristige Entspannungsreaktion plausibel. Bereits eine Phase reduzierter äußerer Reize kann die Atmung beruhigen, die subjektive Anspannung senken und den Eindruck körperlicher Weite verändern. Bei manchen Menschen sinkt dabei auch der wahrgenommene Muskeltonus. Eine ruhigere Atemführung kann die Beweglichkeit des Brustkorbs verbessern; eine geschützte Liegeposition reduziert häufig unbewusstes Halten im Schultergürtel.
Das bedeutet nicht, dass Reiki in zehn Minuten strukturelle Veränderungen des Fasziengewebes erzeugt. Es bedeutet vielmehr, dass der Körper auf den gesamten Rahmen einer solchen Situation reagiert: auf Ruhe, Berührung oder deren Erwartung, auf die Präsenz einer anderen Person und auf die Möglichkeit, den gewohnten Aufmerksamkeitsmodus zu verlassen. In diesem Punkt ähnelt die Sitzung anderen Kurzinterventionen, die eine Unterbrechung von Anspannung und gedanklicher Übererregung anstreben.
Die Limitation dieser Erhebung liegt deshalb nicht darin, dass selbstberichtete Werte grundsätzlich wertlos wären. Stress ist teilweise ein subjektives Erleben, und genau dieses Erleben ist für viele Betroffene relevant. Die Einschränkung besteht darin, dass ein subjektiver Vorher-nachher-Vergleich keine Aussage darüber erlaubt, ob eine Veränderung spezifisch auf Reiki zurückgeht oder über den unmittelbaren Moment hinaus anhält.
Eine explorative Studie ist kein klinischer Beweis. Sie ist ein Signal, das weiterführende kontrollierte Designs rechtfertigt. Für die Frage „Wie fühlt sich eine kurze Sitzung unmittelbar danach an?“ liefert sie einen Hinweis. Für die Frage „Verändert Reiki die Stressregulation nachhaltig und über andere Entspannungsangebote hinaus?“ reicht sie nicht aus.
Was die Metaanalysen zusammenfassen: Angst und Lebensqualität
Während Einzelergebnisse anfällig für Verzerrungen bleiben, bündeln Metaanalysen die Daten mehrerer Studien. Dadurch entsteht ein breiteres Bild, auch wenn die Qualität dieses Bildes weiterhin von den eingeschlossenen Untersuchungen abhängt.
Eine im Juni 2024 publizierte Auswertung von 13 Studien mit insgesamt 824 Patienten kam zu dem Ergebnis, dass Reiki-Interventionen Angstzustände statistisch signifikant reduzieren. Die standardisierte Mittelwertdifferenz lag bei SMD = −0,82 (p = 0,001). Dieser Wert beschreibt den Unterschied zwischen den untersuchten Gruppen in standardisierter Form. Er sagt nicht, dass jede einzelne Person eine gleich starke Veränderung erlebt, und er ersetzt auch keine klinische Diagnose. Er zeigt lediglich, dass sich die Ergebnisse der Reiki-Gruppen in dieser Auswertung im Mittel von den Vergleichsbedingungen unterschieden.
Eine zweite Metaanalyse, im März 2025 veröffentlicht, untersuchte 11 randomisierte kontrollierte Studien mit 661 Teilnehmern speziell zur Lebensqualität. Auch hier zeigte sich ein signifikanter Effekt zugunsten von Reiki (SMD = 0,28, p = 0,043). Der Effekt fällt kleiner aus als in der Auswertung zu Angstzuständen. Das ist kein Widerspruch. Angst und Lebensqualität sind unterschiedliche Messgrößen, werden mit unterschiedlichen Instrumenten erfasst und reagieren nicht zwangsläufig gleich auf eine Intervention.
Gerade bei Lebensqualität ist außerdem entscheidend, was die Teilnehmenden unter einer Verbesserung verstehen. Dazu können weniger innere Unruhe, besserer Schlaf, mehr Vertrauen in den eigenen Körper, ein Gefühl von Unterstützung oder eine höhere Belastbarkeit im Alltag gehören. Solche Veränderungen sind für Betroffene nicht nebensächlich. Wissenschaftlich müssen sie aber als das benannt werden, was sie sind: überwiegend selbstberichtete psychosoziale und gesundheitliche Maße, nicht objektive Nachweise einer spezifischen energetischen Wirkung.
Die Metaanalysen fassen unterschiedliche Reiki-Protokolle zusammen. Sitzungsdauer, Häufigkeit, Anzahl der Behandlungen, therapeutischer Kontext und Vergleichsgruppe können voneinander abweichen. Deshalb ist es problematisch, aus einem statistischen Gesamteffekt eine präzise Standarddosis abzuleiten. Die Daten zeigen ein Signal für Veränderungen bei Angst und Lebensqualität; sie legen nicht zuverlässig fest, wie viele Sitzungen für welche Person notwendig sind.
| Studie | Endpunkt | Stichprobe | Effektgröße | Einordnung |
|---|---|---|---|---|
| Metaanalyse 06/2024 | Angstzustände | 824 Patienten, 13 Studien | SMD = −0,82 | statistisch signifikanter Unterschied |
| Metaanalyse 03/2025 | Lebensqualität | 661 Teilnehmer, 11 randomisierte kontrollierte Studien | SMD = 0,28 | statistisch signifikanter, kleinerer Unterschied |
| Explorative Erhebung 11/2025 | selbstberichteter Stress | 1.724 Teilnehmer | −72,62 % | unmittelbarer Vorher-nachher-Vergleich ohne Kontrollgruppe |
Wichtig ist auch, was in dieser Übersicht nicht auftaucht: objektive Belege für eine Heilung körperlicher Erkrankungen, eine verlässliche Veränderung hormoneller Parameter oder eine nachhaltige Normalisierung des autonomen Nervensystems. Die genannten Ergebnisse betreffen vor allem subjektiv erlebten Stress, Angst und Lebensqualität. Das macht sie nicht automatisch unbrauchbar, setzt ihrer Interpretation aber klare Grenzen.
Eine kurze Reiki-Sitzung kann das unmittelbare Stresserleben deutlich verändern. Ob dieser Effekt spezifisch, reproduzierbar und dauerhaft ist, bleibt eine andere Frage.
Für die Praxis ist diese Unterscheidung entscheidend. Wer Reiki gegen Stress anbietet, sollte den möglichen Nutzen nicht mit einer medizinischen Behandlung verwechseln. Eine Person kann sich nach einer Sitzung ruhiger fühlen, ohne dass damit die Ursache ihrer Überlastung gelöst ist. Ebenso kann eine Verbesserung der Lebensqualität bedeutsam sein, ohne dass daraus ein Nachweis für ein bestimmtes Erklärungsmodell folgt.
Der messbare Körper: Parasympathikus und Tonussenkung
Die physiologisch interessanteste Ebene ist die Entspannung selbst. Ein 2017 publizierter Review analysierte 13 placebokontrollierte Studien zu Reiki. In acht dieser dreizehn Studien schnitt Reiki besser ab als die jeweilige Placebo-Bedingung. Die Autoren diskutierten unter anderem eine mögliche Beteiligung des parasympathischen Nervensystems – jenes Anteils des vegetativen Nervensystems, der mit Ruhe, Verdauung, Regeneration und einer langsameren, regulierteren Anpassung an innere und äußere Reize verbunden ist.
Diese Deutung passt zu dem, was Körperarbeiter in einer Sitzung beobachten können: eine ruhigere Atmung, weniger sichtbares Halten im Schultergürtel, ein Nachlassen der motorischen Unruhe oder eine veränderte Körperwahrnehmung. Auch eine tiefere Exspiration kann sich einstellen, wenn die Person nicht mehr aktiv gegen innere Anspannung anarbeitet. Was umgangssprachlich „Entspannung“ genannt wird, kann also mit Veränderungen in Atmung, Aufmerksamkeit und autonomer Regulation verbunden sein.
Bei der palpatorischen Arbeit zeigt sich häufig ein ähnliches Muster. Der obere Trapezius wirkt weniger dominant, die Schultern sinken, und die Gewebeschichten lassen sich subjektiv leichter gegeneinander verschieben. Das sind sinnvolle Beobachtungen in der praktischen Arbeit. Sie dürfen jedoch nicht nachträglich als Beweis für eine bestimmte Reiki-Wirkung ausgegeben werden. Palpation ist abhängig von Erfahrung, Druck, Positionierung und Erwartung. Außerdem kann sich das Gewebe unter nahezu jeder ruhigen, sicheren und aufmerksam begleiteten Intervention anders anfühlen als zu Beginn.
Auch bei physiologischen Messgrößen ist Zurückhaltung angebracht. Herzfrequenzvariabilität, Cortisol, Blutdruck oder Atemfrequenz können Hinweise auf autonome Veränderungen liefern. Ein einzelner Parameter bildet aber nicht automatisch den gesamten Stresszustand ab. Eine höhere Herzfrequenzvariabilität ist nicht in jeder Situation ein vollständiger Beleg für bessere Regulation; Cortisol folgt tageszeitlichen Schwankungen und reagiert auf zahlreiche Einflussfaktoren. Gute Forschung muss deshalb mehrere Ebenen auseinanderhalten: das subjektive Erleben, beobachtbares Verhalten und objektiv messbare physiologische Veränderungen.
Was die Studien ebenfalls nicht sauber isolieren, ist der Anteil des Therapeuten-Effekts: die ruhige Präsenz, die sprachliche Begleitung, die Berührung selbst, die Atmosphäre und die Erwartung der behandelten Person. In den meisten Studiendesigns ist dieser Faktor Teil der Intervention, aber nicht separat geprüft. Das ist methodisch nachvollziehbar. Eine Reiki-Sitzung vollständig von therapeutischem Kontakt, Zuwendung und situativer Ruhe zu trennen, würde eine künstliche Kontrollsituation erzeugen, die mit der tatsächlichen Anwendung kaum noch übereinstimmt.
Gleichzeitig bedeutet es, dass die Daten eher über den gesamten Behandlungskomplex aussagen als über Reiki im engeren Sinne. Der mögliche Nutzen kann aus einer Kombination entstehen:
- Die Person erhält für eine begrenzte Zeit einen geschützten, reizarmen Rahmen.
- Die Aufmerksamkeit verschiebt sich weg von belastenden Gedanken und hin zu Körperempfindungen.
- Eine ruhige Stimme, eine wertschätzende Haltung oder leichte Berührung können Sicherheit vermitteln.
- Die Erwartung, dass eine Entspannung möglich ist, kann die Wahrnehmung dieser Entspannung verstärken.
- Die Sitzung unterbricht Routinen, in denen der Körper dauerhaft im Alarm- oder Haltemodus bleibt.
Diese Faktoren sind keine Gegenargumente gegen Reiki. Sie sind der konkrete Kontext, in dem Reiki stattfindet. Wer die Methode seriös einsetzt, muss nicht behaupten, dass nur ein unsichtbares Energiefeld wirken kann. Er kann anerkennen, dass eine Intervention mehrere Ebenen gleichzeitig anspricht und dass die Forschung noch nicht eindeutig sagen kann, welchen Anteil jede einzelne Ebene daran hat.
Reiki in der Klinik: Integration in führende Krankenhäuser
Eine Umfrage unter führenden US-amerikanischen Krankenhäusern ergab, dass 60 Prozent der Top-Kliniken formelle oder informelle Reiki-Programme etabliert hatten. Diese Häuser stuften die Methode als mindestens teilweise vorteilhaft ein. Das ist kein Wirkungsnachweis im strengen Sinne. Krankenhäuser führen Angebote nicht ausschließlich aufgrund randomisierter Wirksamkeitsnachweise ein. Auch Patientennachfrage, geringe Risiken, praktische Umsetzbarkeit, Kosten, Personalressourcen und die Möglichkeit einer ergänzenden Begleitung spielen eine Rolle.
Trotzdem ist die klinische Präsenz bemerkenswert. Sie zeigt, dass Reiki in manchen Einrichtungen nicht mehr automatisch als unvereinbar mit professioneller Versorgung betrachtet wird. Aus der Tatsache, dass eine Klinik ein Angebot zulässt, folgt jedoch weder, dass es bei allen Patienten wirkt, noch dass es eine medizinische Therapie ersetzt. Akzeptanz und Wirksamkeit sind zwei verschiedene Kategorien.
Im klinischen Alltag wird Reiki typischerweise komplementär, nicht alternativ eingesetzt: parallel zur onkologischen Behandlung, in der postoperativen Versorgung, in der Palliativmedizin und zunehmend auch in der Begleitung von Personal mit hoher emotionaler Belastung. Der Zweck liegt dann häufig in der Unterstützung von Ruhe, subjektivem Wohlbefinden und Umgang mit belastenden Situationen. Eine solche Anwendung kann sinnvoll sein, solange die Rollen klar bleiben.
In der Onkologie darf Reiki beispielsweise nicht als Behandlung des Tumors kommuniziert werden. In der Palliativversorgung kann eine Sitzung dazu beitragen, eine belastende Phase ruhiger zu gestalten; sie ersetzt weder Schmerztherapie noch symptomorientierte Medizin. Vor einem diagnostischen Eingriff kann eine kurze Intervention als Entspannungsangebot erlebt werden; sie beseitigt aber nicht die medizinische Notwendigkeit der Untersuchung und garantiert auch keine Angstfreiheit.
Für die Zusammenarbeit zwischen Körperarbeit und klinischer Versorgung sind deshalb einige Grenzen unverzichtbar:
- Reiki sollte als ergänzendes Angebot beschrieben werden, nicht als Ersatz für ärztliche, psychotherapeutische oder pflegerische Behandlung.
- Eine deutliche Verschlechterung der psychischen oder körperlichen Verfassung gehört in medizinische Hände.
- Versprechen über Entgiftung, Heilung oder die Behandlung schwerer Erkrankungen sind fachlich nicht durch die vorliegenden Daten gedeckt.
- Die Zustimmung der behandelten Person muss freiwillig sein; Berührung darf jederzeit abgelehnt oder beendet werden.
- Die Dokumentation sollte zwischen subjektivem Erleben, beobachtbaren Reaktionen und medizinischen Befunden unterscheiden.
Klinische Akzeptanz ist kein Wirkungsbeweis. Sie zeigt aber, dass Reiki in bestimmten Einrichtungen als ergänzungsfähig betrachtet wird, wenn die Methode klar begrenzt und nicht als Ersatzmedizin verkauft wird.
Auch außerhalb von Kliniken bleibt dieser Rahmen relevant. Eine professionelle Wellness-Dienstleistung darf Entspannung ermöglichen, ohne medizinische Autorität zu simulieren. Gerade bei Menschen mit chronischem Stress ist es verführerisch, aus einer spürbaren Erleichterung eine große Erklärung abzuleiten. Seriöse Arbeit widersteht dieser Versuchung. Sie nimmt die Erfahrung ernst, ohne mehr zu behaupten, als die Daten tragen.
Was die Forschung nicht erklären kann
Bei aller Datenfülle bleiben zentrale Fragen offen, die in der wissenschaftlichen Diskussion ehrlich benannt werden müssen.
Erstens: der Wirkmechanismus. Die postulierte Existenz eines „universellen Energiefeldes“, das beim Reiki zwischen Therapeut und Klient übertragen werde, ist biophysikalisch nicht nachgewiesen. Was in den Studien gemessen wird, sind Endpunkte wie Stressreduktion, Angstreduktion, Lebensqualität oder Hinweise auf Entspannung. Der Übertragungsweg selbst bleibt wissenschaftlich ungeklärt.
Für eine evidenzbasiert arbeitende Körperarbeiterin bedeutet das: Eine beobachtete oder statistisch beschriebene Veränderung kann real sein, auch wenn die Erklärung dafür offenbleibt. Umgekehrt darf eine offene Erklärung nicht als Beweis für ein Energiekonzept dienen. Beides auseinanderzuhalten, ist keine Kleinigkeit, sondern intellektuelle Hygiene.
Zweitens: die Nachhaltigkeit. Es fehlen systematische Langzeit-Follow-up-Daten, die zeigen, wie lange der stresslindernde Effekt nach einer einzelnen Sitzung oder nach einem längeren Programm tatsächlich anhält. Ein kurzfristiger Unterschied beim selbstberichteten Stress ist nicht identisch mit einer langfristigen Veränderung der Stressregulation. Ebenso wenig beweist eine bessere Lebensqualität nach einer Studienphase, dass die Wirkung über Monate stabil bleibt.
Hier entscheidet sich, ob Reiki mehr ist als ein angenehmes Akutphänomen. Kurzfristige Entlastung kann dennoch wertvoll sein. Sie kann einer Person helfen, wieder zu schlafen, einen belastenden Tag zu bewältigen oder überhaupt Zugang zu weiteren Unterstützungsangeboten zu finden. Aber aus diesem möglichen Nutzen darf keine dauerhafte therapeutische Wirkung konstruiert werden, solange entsprechende Nachbeobachtungen fehlen.
Drittens: die individuelle Variabilität. Nicht jeder Mensch reagiert gleich. Die Effekte können von der Erwartungshaltung, dem Ausgangsniveau der Belastung, der Beziehung zur behandelnden Person, der Umgebung und dem physiologischen Zustand abhängen. Eine Person erlebt die Ruhe als entlastend, eine andere wird durch die ungewohnte Nähe oder die Konzentration auf den Körper unruhiger. Auch das gehört zur Realität der Methode.
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Juli 2022 differenziert hier ausdrücklich: Die wissenschaftliche Evidenz – bewertet nach GRADE – für eine Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus wurde bei klinisch relevantem Stress und klinisch relevanter Depression als hoch eingestuft, bei normalem Stressniveau dagegen als gering bis moderat. Diese Einordnung ist wichtig, weil „Stress“ kein einheitlicher Zustand ist. Zwischen einer vorübergehenden Anspannung vor einem Termin und einer chronischen, den Alltag beeinträchtigenden Belastung liegen klinisch relevante Unterschiede.
Die Aussage sollte trotzdem nicht überdehnt werden. Eine hohe Evidenzbewertung innerhalb einer Übersichtsarbeit bedeutet nicht automatisch, dass der zugrunde liegende Reiki-Mechanismus bewiesen ist. Sie bezieht sich auf die Qualität und Konsistenz der ausgewerteten Daten für den jeweiligen Endpunkt. Außerdem kann die Bewertung durch die Auswahl der Studien, die Vergleichsbedingungen und die verwendeten Messinstrumente beeinflusst werden.
Selbstbericht ist nicht weniger wichtig – aber anders
In Diskussionen über Reiki wird der Begriff „subjektiv“ oft abwertend verwendet. Das ist zu einfach. Wenn jemand weniger Angst verspürt, sich ruhiger fühlt oder seine Lebensqualität besser einschätzt, ist das für diese Person eine reale Veränderung. Gerade bei Stress ist das Erleben nicht bloß ein Messfehler, sondern ein Teil des Problems und damit auch ein möglicher Teil der Lösung.
Wissenschaftlich muss dieses Erleben dennoch sauber eingeordnet werden. Selbstberichte können durch Erwartungen, soziale Erwünschtheit, Erinnerung und die Situation nach der Behandlung beeinflusst werden. Eine Person möchte vielleicht mitteilen, dass die Sitzung geholfen hat. Sie kann sich unmittelbar danach erleichtert fühlen, ohne dass sich ihre Belastbarkeit im Alltag verändert. Deshalb sind Kontrollgruppen, standardisierte Fragebögen, längere Nachbeobachtungen und möglichst unterschiedliche Messmethoden so wichtig.
Die richtige Schlussfolgerung lautet nicht: „Subjektive Werte zählen nicht.“ Sie lautet: „Subjektive Werte beantworten eine bestimmte Frage.“ Sie zeigen, wie Menschen ihre Belastung, Angst oder Lebensqualität erleben. Sie beantworten nicht automatisch, ob Reiki eine Krankheit behandelt, einen biologischen Mechanismus auslöst oder langfristig anderen Verfahren überlegen ist.
Position
Reiki ist keine Wundermethode und kein Ersatz für eine leitliniengerechte Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen. Das gebietet die fachliche Verantwortung. Gleichzeitig lässt sich die vorliegende Datenbasis nicht einfach als bedeutungslos abtun. Die Metaanalysen berichten signifikante Effekte auf Angst und Lebensqualität; eine placebokontrollierte Studiensammlung fand in acht von dreizehn Untersuchungen günstigere Ergebnisse für Reiki; die explorative Erhebung aus Chicago beschreibt eine deutliche unmittelbare Veränderung beim selbstberichteten Stress; und die Klinikumfrage zeigt eine bemerkenswerte Akzeptanz als ergänzendes Angebot.
Das ist eine Befundlage, die in der Komplementärmedizin nicht selbstverständlich ist. Sie ist aber auch kein Freibrief für große Heilversprechen. Die stärksten Aussagen betreffen das subjektive Erleben: Stress, Angst, Lebensqualität und möglicherweise die Erfahrung körperlicher Ruhe. Die Forschung sagt deutlich weniger über langfristige Veränderungen, objektive Krankheitsverläufe oder einen spezifischen Energieübertragungsmechanismus.
Was eine Körperarbeiterin, die täglich mit myofaszialen Spannungszuständen und autonomer Dysbalance arbeitet, aus dieser Datenlage mitnehmen kann, ist deshalb eine nüchterne, aber keineswegs geringschätzige Position: Eine strukturierte, ruhige, berührungsbasierte Intervention mit klarer therapeutischer Rahmung kann die vegetative Balance und das Stresserleben mancher Menschen günstig beeinflussen. Ob der Begriff „Reiki“ dafür die richtige Bezeichnung ist, ob dabei Energie, Information, Erwartung, menschliche Präsenz oder eine Kombination dieser Faktoren wirksam wird, bleibt offen.
Diese Offenheit ist kein Mangel der Praxis, solange sie ehrlich kommuniziert wird. Reiki kann ein Werkzeug für Entspannung und komplementäre Begleitung sein. Es sollte weder als bewiesene Energieheilung noch als Ersatz für notwendige medizinische oder psychotherapeutische Hilfe auftreten. Die Wissenschaft weiß inzwischen mehr über die möglichen Effekte als noch vor einigen Jahren – aber sie weiß noch nicht genug, um aus diesen Effekten eine umfassende Erklärung zu machen.