Psychische Gesundheit in der Elternschaft: Warum BGM-Strategien bisher versagen
Geleitet wird das Vorhaben von Professorin Jennifer Dimoff am Telfer School of Management, finanziert über einen Insight Grant des kanadischen Social Sciences and Humanities Research Council.

Ein Forschungsprojekt der Universität Ottawa rückt eine Lücke in den Vordergrund, die in den meisten Strategien zum betrieblichen Gesundheitsmanagement weiterhin unter dem Radar läuft: die psychische Gesundheit von Beschäftigten während Schwangerschaft, Fehlgeburt, Kinderwunschbehandlung und dem ersten Jahr nach der Geburt. Geleitet wird das Vorhaben von Professorin Jennifer Dimoff am Telfer School of Management, finanziert über einen Insight Grant des kanadischen Social Sciences and Humanities Research Council. Für HR- und BGM-Verantwortliche ist das Projekt relevant, weil es erstmals einen systemischen Bauplan für genau jene Lebensphase liefern will, in der bisher weder passgenaue Angebote noch verlässliche Kennzahlen existieren.
Die Lücke im BGM-Portfolio
Nach einer Erhebung des US-Arbeitgebers Maven aus dem Jahr 2024 verfügen 95 Prozent der kanadischen Arbeitgeber über keine mentalen Gesundheitsressourcen, die auf reproduktive Lebensphasen zugeschnitten sind. Damit bleiben betroffene Beschäftigte — nicht nur Frauen, auch Partner unabhängig vom Geschlecht — weitgehend unversorgt. In klassischen Krankenstandsberichten taucht dieses Risiko nicht auf, weil die vorhandenen Kategorien Schwangerschaft, postpartale Phase oder Kinderwunschbehandlung nicht als psychische Belastungsfaktoren abgebildet werden. Genau hier entstehen die schwer quantifizierbaren Kosten: unbehandelte Erkrankungen, Karrierebrüche nach der Elternzeit und Diskriminierung am Arbeitsplatz, die oft erst spät sichtbar wird.
Was das Projekt konkret liefern will
Das Vorhaben kombiniert Politikanalyse, qualitative Interviews, eine landesweite Längsschnittstudie und die Entwicklung betrieblicher Werkzeuge. Geplant sind ein öffentlich verfügbares Policy-Toolkit, Trainings für Führungskräfte und HR-Fachleute sowie Leitlinien für Gewerkschaften und Politik. Theoretisch gestützt wird es auf das Job-Demands-Resources-Modell, soziale Identitätstheorie und Bronfenbrenners bioökologische Systemtheorie. Alle drei Frameworks sind in der betrieblichen Gesundheitsforschung bereits eingeführt und ermöglichen eine Übersetzung in skalierbare Maßnahmen statt weiterer Pilotprojekte. Kanada hat parallel den politischen Rahmen geöffnet: 2025 wurden neue klinische Leitlinien zu perinatalen psychischen Erkrankungen veröffentlicht, in British Columbia fand das Thema mit Bill 204 erstmals seit über vier Jahrzehnten wieder parlamentarische Mehrheiten.
Was BGM-Verantwortliche jetzt prüfen sollten
- Bestehende Angebote zur mentalen Gesundheit auf reproduktive Lebensphasen prüfen, nicht nur auf klassische Stressoren wie Überstunden oder Konflikte.
- Vertrauliche, niedrigschwellige Zugänge zu psychologischer Unterstützung für Schwangerschaft, postpartale Phase und Kinderwunschbehandlung definieren.
- Führungskräfteschulungen so anpassen, dass PMADs früh erkannt werden, bevor Betroffene in eine längere Ausfallphase rutschen.
- Kennzahlen für Karriereverläufe und Rückkehrquoten nach Elternzeit etablieren und in die regelmäßige BGM-Berichterstattung aufnehmen.
- Bestehende Peer-Netzwerke oder Employee-Resource-Groups gezielt um das Thema reproduktive Gesundheit erweitern.
Der nüchterne Kosten-Nutzen-Test fällt eindeutig aus: Wer die beschriebene Lücke schließt, reduziert nicht nur Leid, sondern auch Kosten durch Krankentage, Fluktuation und verlorenes Know-how. Für deutsche und europäische Unternehmen ist das kanadische Projekt direkt relevant, weil die Datenlage hier noch dünner ist und bestehende BGM-Standards reproduktive Lebensphasen bislang aussparen. Wer jetzt Standards setzt, verschiebt die eigene Position im Wettbewerb um Fachkräfte messbar.